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Verweise
 

Dietmar Kamper:

Die Machart der Seele (Thesenpapier für ein Seminar)
  1. Das Thema faßt zwei unvereinbare Betrachtungsweisen rigoros zusammen: von der "Seele", von innen her betrachtet, wäre die Rede von der Machart unannehmbar. In der Perspektive des Machens, von außen, würde sich ein Sprechen von der Seele nicht mehr lohnen. Evidenz und Analyse sind - strenggenommen - inkompatibel.
  2. In Frage steht also das unmögliche Verhältnis einer "Hermeneutik" der Innerlichkeit zu einer "Archäologie" der Techniken ihrer Herstellung. Wenn man keine der Seiten losläßt, gerät man ins "Herzzerreißende der Dinge", wie es sich im Grunde der Geschichte nach und nach ergeben hat.
  3. Es geht um Brüche, Risse, Schnitte, um Schwellen, Übergänge, Wechsel dieser Geschichte, um eine Verzeitlichung der historischen Räume und Epochen, um den Auseinanderfall von Perspektiven, den die Andersartigkeit des Anderen der Erkenntnis erzwingt. Jener Graphismus des Schmerzes, der in der "Seele" die Spuren ihrer Genese hinterläßt, ist nicht auf einen Blick zu verstehen.
  4. Die These, daß die "Seele" ein Effekt von Techniken sei, von Techniken der Kontrolle, der Transformation und der Produktion, kann nur mittels einer doppelten Anstrengung, einer zwiefachen Wahrnehmung, einer "methodischen Schizophrenie" begriffen werden.
  5. Auf der einen Seite müssen die Modalitäten des Machens darauf hin untersucht werden, inwiefern sie einer solchen Implementationsstrategie nolens volens oder absichtlich folqen. Das Feld reicht vom religiösen Kultus bis zur gottlosen Psychologie, von der unglücklichen Liebe bis zur staatlichen Körper-Politik, von der gezielten Erziehung bis zu den Wirkungen der Kulturindustrie.
  6. Andererseits ist es erforderlich, einen Grund für das Vergessen von Produktion, Transformation, Kontrolle zu finden. Warum ist die Machart der Seele dieser selbst unzugänglich? Warum muß Anfang und Ende ausgeklammert werden? Warum ist die Narbenschrift nur von außen zu lesen?
  7. Keine Reflexion löst den Knoten ihres Gewordenseins und den der Vergänglichkeit von Reflexivität. Die Seele hat ihre Grenzen dort, wo sie anfing und wo sie aufhören wird. Die vielzitierte Souveränität des Bewußtseins gilt nur für Räume, nicht für die Zeit.
  8. Schon die Urtatsachen des Bewußtseins: die Bilder der Tiefenseele - seien sie paradiesisch oder katastrophal - sind Substitute einer unvordenklichen, verletzenden Vorgeschichte. Erst recht bildet der Tod am Ende ein Trauma radikaler Zeitlichkeit, das weder ertragen, noch eliminiert werden kann.
  9. Wenn alles abgearbeitet wurde, was an Fassaden und anderem Aufputz den Anblick der europäischen Seele verschönt, bleibt ein rätselhaftes Kreuz übrig - ein Kreuz, das zwischen dem Achsenkreuz der Geometer und dem von Golgotha changiert. Damit dergleichen nicht wieder verschüttet wird, müssen Archäologie und Hermeneutik endlich ihren Dissens klären.
© Dietmar Kamper
© 2003-2010 Manfred Köhler