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Fundstücke
Reflexive Imagination
Verweise
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Reflexive Imagination (Neun Thesen für drei Abende - 22. Juni 1989 - Seminarpapier)
- Reflexive Imagination heißt Erkenntnis mittels einer Einbildungskraft, die über sich selbst und ihre historischen Folgen aufgeklärt ist. Die aktuelle Bilderflut wird dabei als "Immanenz des Imaginären" auf ein Bündel von Ursachen zurückbezogen, die mit der Neuzeit, also vor etwa 500 Jahren wirksam geworden sind. Bei der Installation einer menschlichen Welt war und ist in solcher Perspektive die Phantasie ausschlaggebend, nicht die Vernunft. Deshalb gilt: Gegen das Imaginäre als Zerrbild hilft nur die Einbildungskraft.
- Nach der jüdisch-christlichen Überlieferung wurde der Mensch als Bild Gottes erschaffen. Diese Erschaffung ist wie die der Welt nicht abgeschlossen. In seiner doppelten Gestalt, als Mann und als Frau, ist der Mensch dann ein Gott, wenn er träumt und ein Bettler, wenn er nachdenkt. Bilder sind der Stoff einer menschheitlichen Ursprache vor dem Sündenfall, vor Babel. Als Bild Gottes hat der Mensch Einbildungskraft, um auch ein Schöpfer zu sein. Auf die damit gegebene Gefahr der Überheblichkeit beziehen sich die orthodoxen Bilderverbote.
- Das Muster der Orthodoxie, nach dem die Imagination eine wesentlich passive Beziehung ausmacht, ist umkehrbar. Die Häresie liegt dann in der Aktivierung einer Passion, in der Affirmation der Einbildungskraft als "action fondatrice". Die Häresie lautet: am Vermögen der Bilder hängen Gelingen und Mißlingen der Menschwerdung. Das Schicksal der Phantasie bietet die Quintessenz einer Geschichte der Menschheit nach dem Zeitalter der Religion. Die Neuzeit fundamentiert sich in imaginären Strukturen.
- Die einfachste Bestimmung der Phantasie lautet noch immer: sich etwas auch dann vorstellen zu können, wenn es nicht anwesend ist. Phantasie wäre somit das Vermögen, im Raum abwesende, vergangene und zukünftige Dinge dennoch zu vergegenwärtigen. Die Betonung liegt hier auf der Geistesgegenwart. Allerdings kommen bereits die anderen Zeiten ins Spiel. Phantasie ist eminent zeitverhaftet. Die Frage bleibt offen, ob ein so bestimmtes Vermögen produktiv sein kann.
- Ein Blick auf den Traum in seiner Tag- und Nachtform macht die Definitionslage komplizierter. Es gibt offenbar Urbilder, die mit der Wirklichkeit in Raum und Zeit wenig zu tun haben. Dinge sind hier eher Abzüge der Phantasie. Ein unaufhörlicher Bilderstrom unterspült das menschliche Bewußtsein und läßt immer aufs Neue Mythen, Sagen, Legenden und Märchen entstehen. Diese Imagination wird als archaische Kraft interpretiert, die transzendental wirksam sei.
- Es gibt noch eine dritte Version der Einbildungskraft. Sie strukturiert das Verhältnis der Menschen zu ihrem Körper. Bilder sind - so betrachtet Schutzschirme gegen die traumatisierende Gewalt einer nackten Wirklichkeit. Das Phantasma verdeckt ein Trauma aus Angst und Schrecken und tritt gewissermaßen an seine Stelle. Realität wird imaginär codiert. Das bedeutet umgekehrt, daß in jedem Bild die Spur einer realen Verletzung überdauert, die zum Anlaß für Erinnerungen und Wiederholungen werden kann.
- Die Imagination hat eine Doppelfunktion. Sie neutralisiert sowohl die Zumutungen des Körpers als auch die überfordernden Ansprüche der Sprache. Neuerdings aber scheint dieses Stillhalteabkommen im Streit zwischen "Fleisch" und "Wort" aufgekündigt zu sein. Die Symptome als Zeichen der Sprachlichkeit des Körpers und die Symbole als Ausdruck der Körperlichkeit der Sprache sind in ihrem Verhältnis zueinander verschoben und auf einen anderen Schauplatz verlagert worden.
- Unter dem Zivilisations-Druck der gesellschaftlichen Abstraktion spaltet sich die menschliche Einbildungskraft in Mimesis und Simulation. Der Substitutscharakter der Bilder nimmt überhand. Die Ausgeburten der Phantasie lösen sich ab von den Körpern, die nicht vollends kontrollierbar sind,und verlagern sich auf technische Bildmedien, die eine Reproduktion jederzeit erlauben. Angst und Schrecken versehen die Bilder der Welt mit Inschriften des Krieges. Der Tendenz nach kann Imagination auf diesem Wege zur Waffe werden.
- Durch die laufende Maschinisierung des Geistes werden körperliche Mimesis und technische Simulation amalgamiert. Das sogenannte Unbewußte schließt sich unmittelbar an die Medien an. Der Zweck der Bildmaschinen, Zeitentlastung zu bieten, verkehrt sich in sein Gegenteil. Insofern bleibt es fraglich, ob ein moderater Umgang mit den Bildern im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit möglich ist. Reflexive Imagination hat es jedenfalls mit einem Explosivstoff des Imaginären zu tun, der anwächst.
© Dietmar Kamper
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