"Und dann erzählte er von der Wohnung, in der das Treffen stattgefunden hatte, beschrieb sie in allen Einzelheiten, von der Aussicht aus den Fenstern bis hin zur Farbe der Couch und der Anordnung der Möbel in jedem einzelnen Zimmer. Daß jemand sich so genau an Dinge erinnern konnte, die er nur einmal gesehen hatte, Dinge, die außer in einem flüchtigen Augenblick, keinerlei Bedeutung für sein Leben gehabt haben konnten, beeindruckte A. wie etwas Übernatürliches. Er erkannte, daß es für Ponge zwischen der Arbeit des Schreibens und der Arbeit des Sehens keine Trennung gab. Denn kein Wort kann geschrieben werden, ohne daß es zuvor gesehen wurde, und bevor es seinen Weg aufs Papier findet, muß es zunächst ein Teil des Körpers gewesen sein, ein Ding, in dessen physischer Gegenwart man ebenso gelebt hat, wie man mit seinem Herzen, seinem Magen und seinem Gehirn lebt. Erinnerung also nicht als die Vergangenheit in uns, sondern als Beweis für unser Leben in der Gegenwart. Wer wirklich in seiner Umgebung anwesend sein will, muß an das denken, was er sieht. Um da zu sein, muß er sich vergessen. Und aus diesem Vergessen kommt das Erinnerungsvermögen. Auf diese Weise kann man sein Leben so leben, daß nichts davon verlorengeht."
Paul Auster, Die Erfindung der Einsamkeit, 189ff.