Begegnet der Andere als Blick, ist das Verhältnis zu ihm eins der Gewalt; begegnet der Andere als Antlitz ist mein Verhältnis zu ihm Ohnmacht und Scham. Für Sartre ist der Andere zunächst derjenige, der mir meine Freiheit nimmt. Alle Formen des Begehrens sind Versuche des Subjekts, sich vom Zugriff des Anderen zu befreien.
Anders für Lévinas: "Bevor ein anderer Blick ist, ist er Antlitz." Das bedeutet: der Andere ist primär nicht jemand, der mich bedroht, sondern jemand, auf den ich zugehe, in einer "wundervollen Ohnmacht" (31).
"Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden." (Emmanuel Lévinas, Die Spur des Anderen, 120)
Auch für Levinas ist die ursprüngliche Erfahrung des Anderen eine Infragestellung meiner selbst. Während für Sartre ich im Blick des Anderen versteinert werde, angegriffen werde, erfahre ich mich angesichts des Anlitzes des Anderen selber als Angreifer. Der Andere als Antlitz macht mir mein Recht auf das Sein streitig. In beiden Fällen ist die Erfahrung des Anderen ein Unbehagen, die Scham. Im Antlitz des Anderen erfahre ich Wehrlosigkeit des Anderen, und damit die Gewalt meiner Freiheit.
"Das Antlitz des Nächsten beschuldigt mich, im Sein zu verharren, egoistisch und ohne Rücksicht auf alles, was ich nicht bin."