Es gibt eine Einsamkeit, die nicht mit Verlassenheit und Trauer verbunden ist. Es ist ein Gefühl der Aussetzung, eine Erfahrung der eigenen Nichtigkeit.
"Du trittst durch das Tor des Forts oder der Stadt, gehst an den Kamelen vorbei auf die Dünen oder hinaus in die harte, steinige Ebene und bleibst eine Weile dort stehen - allein. Binnen kurzem wirst du entweder frösteln und schnell ins Innere der Mauern flüchten oder ausharren und zulassen, daß etwas Eigenartiges mit dir geschieht. Jeder, der dort lebt, weiß darum; die Franzosen nannten es
le baptême de la solitude. Es ist eine unvergleichliche Erfahrung, die nicht das Geringste mit dem Gefühl der Verlassenheit zu tun hat, denn dieses setzt Erinnerung voraus. Hier, in dieser rein mineralischen Landschaft, die von Sternen erleuchtet wird wie von Fackeln, schwindet selbst die Erinnerung; nichts bleibt, nur dein Atmen und das Pochen deines Herzens. Ein merkwürdiger und keineswegs angenehmer Prozeß beginnt in deinem Inneren, und du hast die Wahl, dagegen anzukämpfen und die Person zu bleiben, die du immer warst, oder ihm freien Lauf zu lassen."
Paul Bowles, Eintauchen in Einsamkeit
in: Der Weg nach Tassemsit, 140