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Helmut Brandt: Graffitti (2001)

 
Verglichen mit der Gegenwart erscheint die Vergangenheit reicher, vorausgesetzt man kann sie erinnern. Man kann sie aber umso besser erinnern, je gegenwärtiger und aufmerksamer man war, als sie noch gegenwärtig war.
Erzählen ist die Arbeit der Erinnerung. Auch wenn sie das Vergangene neu erfindet, angetrieben von den eigenen Wünschen und Illusionen, ist sie die Bewahrung des Vergangenen, der Versuch, ein wenig von dem festhalten, was unaufhaltsam dem Nichts des Vergessens anheimfällt. Das Vergessen fördert die Barbarisierung der Welt, die Gleichgültigkeit gegenüber Schmerz, Trauer, Elend und Gewalt.
Erinnerung verbindet sich mit Trauer über das Verlorene, das im nachhinein so erscheint, als hätte man es niemals besessen, als wäre der Verlust die Wahrheit des Gewesenen. Dazu gehört das Scheitern jeder Erinnerung: man erreicht das Gewesene nicht in der Erinnerung, man kann es nur umkreisen.
In der Erinnerung verliert das Gewesene das Bedrängende, das es einstmals hatte, man fühlt sich erlöst und befreit. Man freut sich, daß es vorbei ist, denn das Erinnerte ist das Verlorene, das seine Hoffnung verloren hat. Aber es lauert in der Tiefe der Vergangenheit. Und kann unvermutet auftauchen, ausgelöst durch eine Belanglosigkeit. Das kann eine Freude oder auch ein Schrecken sein.
Das Vergangene ist eine Macht in unserem Rücken, der man umso hilfloser ausgeliefert bleibt, je weniger man sich erinnern kann.
© 2011 Manfred Köhler
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