Memo
Helmut Brandt: ohne Titel

 
Essen hat mit Gewalt und Vernichtung zu tun. Die Frage ist, wo sich diese Gewalt plaziert.
"Das Stäbchen ist das Eßinstrument, das sich weigert zu schneiden, zu reißen, zu verstümmeln und zu stechen (sämtlich höchst begrenzte Gebärden, die in den Bereich der Zubereitung, in die Küche zurückgedrängt sind: Der Fischkoch, der den lebenden Aal vor unseren Augen enthäutet, exorziert in einem vorgängigen Opfer ein für allemal den Tod der Nahrung). Mit den Stäbchen ist die Nahrung nicht länger Beute, der man Gewalt antut."
Die Stäbchen zeigen auf die Nahrung, bezeichnen sie, bringen eine Distanz, eine Intelligenz in die Nahrungsaufnahme.
"Eine weitere Funktion des Stäbchenpaares liegt darin, das Stück Speise einzuklemmen (und nicht mehr fortzureißen, wie es unsere Gabeln tun) (...); die Speise erfährt nie mehr Druck, als erforderlich ist, um sie aufzuheben und zu bewegen."
"Darin liegt ein ganzes Verhalten gegenüber der Nahrung: (...) niemals sticht, schneidet, spaltet, verletzt das Stäbchen, es hebt nur auf, es wendet und bewegt."
Roland Barthes, Das Reich der Zeichen, 29ff.
© 2011 Manfred Köhler
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