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Tod
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Helmut Brandt: ohne Titel

 
Jean Améry schrieb ein Buch über den Freitod und zwei Jahre später tötete er sich.

"Das Nachdenken über den Freitod kommt erst mit diesem zu dem Ergebnis: Aber es wird dieses so wenig erlebt, wie der Tod überhaupt. Was erfahren werden kann, ist nur die Absurdität von Leben und Sterben und - wo der Freitod gewählt wird - ein absurder Freiheitsrausch. Dessen Erlebniswert ist nicht gering. Denn wie ein Blitz durchzuckt uns, wenn es so weit ist, die Erkenntnis, es war das Ganze das Unwahre. Erkennen, allein, das zu nichts taugt im Leben. Denn noch der Suizidär, wenn er der Absprung-Schwelle sich annähert, muß Anmaßungen des Lebens sich gewachsen zeigen, anders fände er den Weg ins Freie nicht und wäre wie der KZ-Häftling, der es nicht wagt, an den Draht zu laufen, die Abendsuppe möchte er noch verschlingen und dann das heiße Eichelgebräu am Morgen und wieder eine Rübensuppe mittags, so geht es weiter. Jedoch: Lebensanforderung ist hier - und nicht hier allein - Forderung, einem Leben ohne Würde, Menschlichkeit und Freiheit zu entrinnen. So wird der Tod zum Leben, alswie das Leben von der Geburt an schon Sterben ist. Und Negation nun mit einem Male wird Positivität, wenn auch nichtsnützige. Logik und Dialektik versagen in tragikomischem Einverständnis. Was gilt, ist die Option des Subjekts. Aber recht haben die überlebenden, denn was sind Würde, Menschlichkeit und Freiheit vor Lächeln, Atmen, Schreiten? Geltung also gegen Recht und richtig? Würde wider die Voraussetzung jeglichen Würdeseins? Und Menschlichkeit gegen den Menschen als lebendes, lächelndes, atmendes, schreitendes Wesen?"
Jean Améry, Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod, 128