SynSign
Zeit
Name 
PW 
Helmut Brandt: ohne Titel

 
Melancholisches Gegenwärtigsein, aufmerksam dem Augenblick hingegeben, im Wissen um die eigene Vergänglichkeit.

"Daß Jahre vergehen und manches geschieht, wer sieht es! Alles ist eins, Räume voll Dasein, nichts kehrt uns wieder, alles wiederholt sich, unser Dasein steht über uns wie ein Augenblick, und einmal zählt man auch die Herbste nicht mehr, alles Gewesene lebt wie die Stille über den reifenden Hängen, am Weinstock des eigenen Lebens hängen die Trauben vom Abschied. Gehe vorbei! Noch einmal in solchen Tagen verlockt der See; man spürt die Haut, wenn man jetzt schwimmt, die Wärme des eigenen Blutes, man schwimmt wie in Glas, man schwimmt über den schattigen Gründen der Kühle, und am Ufer verscherbeln die glänzenden Wellen; draußen schwebt ein Segel vor silbernem Gewölk, ein Falter auf versponnenem Blinken, Tücher voll flimmernder Milde der Sonne über verlorenen Ufern aus Hauch. Für Augenblicke ist es, als stünde die Zeit, in Seligkeit benommen; Gott schaut sich selber zu, und alle Welt hält ihren Atem an, bevor sie in Asche der Dämmerung fällt ..."
Max Frisch, Stiller, 352