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Helmut Brandt: Schriftspuren

 
Man taucht in den Schlaf mit dem Vertrauen auf einen neuen Tag. Schlaflosigkeit ist der Verlust des Vertrauens in die Zukunft.

"Wer sagt, daß der Schlaf der Hoffnung gleiche, hatte eine bewundernswerte Intuition der ungeheuren Bedeutung des Schlafes sowie der nicht geringeren Bedeutung der Schlaflosigkeit. (...) Im Schlaf vergißt du das Drama deines Lebens, die Komplikationen und Obsessionen, so daß jedes Erwachen ein neuer Lebensanfang ist, eine neue Hoffnung. Das Leben erhält auf diese Weise eine angenehme Diskontinuität, die den Eindruck einer ununterbrochenen Regeneration, einer fortwährenden Wiedergeburt erweckt. Schlaflosigkeit führt hingegen zu einem Gefühl der Agonie, einem unheilbaren Alpdruck, einer immerwährenden Verzweiflung. (...) Es gibt innige Bande zwischen Schlaflosigkeit und Verzweiflung. Ich frage mich, ob es Verzweiflung ohne schlaflose Nächte geben kann, ob ein vollständiger Verlust der Hoffnung ohne Mitwirkung der Insomnie überhaupt möglich ist. Der Unterschied zwischen Hölle und Himmel kann nur dieser sein: im Paradies kann man schlafen, wann man will, in der Hölle niemals."
E. M. Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung, 117