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Helmut Brandt: Vanitas (2003)

 
Nach Sigmund Freud und Karl Abraham reagiert die Melancholie auf eine Verlusterfahrung. Ein Objektverlust wird als Ichverlust, als Ichverarmung erlebt, weil der Bezug zum Anderen zu nah war, nämlich ihn einverleibend, inkorporierend. Damit wird das Ich bei Verlusten in sich selbst das Verlorene, weil es sich mit dem verlorenen Anderen vorweg schon ineinsgesetzt hat. Nicht die Welt wird leer, sondern das Selbst. "Der Schatten des Objekts fällt auf das Ich", schreibt Freud, das Ich wird vom Objekt aufgezehrt, gleichsam als Strafe für seinen maßlosen Übergriff auf den Anderen. Der Verlust wird nicht angenommen, das Verlorene vielmehr im Ich gleichsam nachgebildet. Und dies, weil der vorherige Bezug ein ambivalenter war, nicht nur ein liebender, sondern auch ein hassender.
Doch der Hass auf den Anderen wird verdrängt. Dieser Ambivalenzkonflikt bindet durch Schuldgefühle. Die forcierte Selbstzurücknahme des Melancholikers, sein Wille, andere zu schonen, ist Ausdruck seines uneingestandenen Hasses auf den Anderen. Die Existenz gerät unter den Bann einer immensen Schuldverstrickung, die in der Melancholie gleichsam begraben wird. Womit man sich aber selber begräbt. Man verliert die Fähigkeit und Kraft zu wünschen. Die Energie, die sich nicht an den Anderen heften kann, muß zwanghaft sublimiert werden. Deshalb auch die betonte Leistungsorientierung der Melancholiker. Und ihr Eigensinn, ihre Bindungsunfähigkeit, ihr Bestreben, mit anderen 'quitt zu sein', keine Verpflichtungen zu haben. Sie sind ordnungsfixiert und die Verhältnisse mit anderen sollen von allem Schuldhaften befreit sein. Melancholiker neigen zur Fürsorglichkeit, der Andere soll die eigenen Bedürfnisse garantieren, die eigene Identität definieren. Es gibt eine Bereitschaft, sich im Anderen zu entfremden. Die Liebe wird als Leistung empfunden, die man zu erbringen hat, und durch die der Anspruch auf die Liebe des Anderen gewonnen wird.