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Helmut Brandt: S6 (2003)

 
Aus der Erfahrung, eine geliebte Frau mit anderen Männern teilen zu müssen, entwickelte Karl Kraus ein besonderes Liebeskonzept. Es umkreist die Problematik des Zusammenhanges von Liebe und Besitzen-wollen. Er meint, der einfache Weg sei ja immer der vom Lieben über das Betrogen-werden zur Eifersucht, er aber wählt den anderen Weg: von der Eifersucht über das Betrogen-werden zur Liebe, wie er selbst in einem Aphorismus schreibt. Es war die Begegnung mit Annie Kalmar, die er mit anderen Männern teilen mußte und trotzdem nicht aufhörte zu lieben, was ihn zu dieser Haltung brachte. Aber Annie Kalmar starb früh, 1901, so wurde sie und seine Liebe zu ihr, die sich nicht entwickeln konnte, für Kraus zu einem Symbol, das sich dann in seinem Leben entfaltet hat.
Später lernte er dann Sidonie Nádherny kennen. Sie gehörte dem Adel an und ihre Familie widersetzte sich einer Verbindung mit Karl Kraus. Man wollte sie 'standesgemäß' verheiraten und ihr Bruder war eine Art Vormund für sie. Sie selbst war zu passiv, um sich aus dieser Unselbständigkeit zu befreien. Sie flüchtete in Somatisierungen wie Müdigkeit und Kopfschmerzen und in zahllose Abenteuer mit Männern. Für sehr kurze Zeit ließ sie sich auch mit einem Grafen verheiraten. Was aber die Liebe von Kraus zu ihr nicht vermindern konnte, im Gegenteil, und auch nicht ihre zu ihm. Er kämpfte darum, seine Liebe zu ihr sich nicht durch seine Eifersucht zerstören zu lassen.
"Lieben, betrogen werden, eifersüchtig sein - das trifft bald einer. Unbequemer ist der andere Weg: Eifersüchtig sein, betrogen werden und lieben."
In diesem Aphorismus drückt sich seine Liebesutopie aus.
© 2011 Manfred Köhler
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