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Helmut Brandt: Visuelle Poesie

 
Der Mensch, der sich in den Kammern der Erinnerungen verliert, zieht sich aus der gegenwärtigen Wirklichkeit zurück, und entflieht damit auch - gleich einer wundersamen Verwandlung - der Angst vor der Zukunft, dem Alter und dem Tod.

"Von diesem Tag an war die Erinnerung noch der einzige Beweggrund und die einzige Landschaft meines Lebens. In einem Winkel sich selbst überlassen, blieb die Zeit stehen und verstrich nun wie bei einer Sanduhr, die man umdreht, in entgegengesetzter Richtung zu der bisher eingehaltenen. Nie wieder empfand ich die beklemmende Angst, mich einem Alter zu nähern, das ich lange Zeit nicht als das meine hatte anerkennen wollen. Nie wieder dachte ich an die alte Uhr, die nutzlos und vergessen in einem Winkel der Küche an der Wand hing. Mit einem Mal waren Zeit und Gedächtnis miteinander verschmolzen, und alles andere - das Haus, das Dorf, der Himmel, die Berge - existierte nur noch als ferne Erinnerung seiner selbst.
Das war der Anfang vom Ende, der Beginn des langen Abschieds, in den sich von da an mein Leben verwandelte. Wie das Sonnenlicht, wenn man nach vielen Jahren ein Fenster öffnet, die Dunkelheit zerreißt und unter dem Staub längst vergessene Gegenstände und Leidenschaften aufstöbert, trat die Einsamkeit in mein Herz und leuchtete jeden Winkel und jede Höhlung meines Gedächtnisses aus."
Julio Llamazares, Der gelbe Regen, 45