Bücher sind wichtige Begleiter, arm wäre ein Leben ohne sie. Aber wie verwandeln wir ihren Reichtum zu einem Teil des eigenen Lebens?
"Seneca betont, dass zur Praxis des Selbst das Lesen unerlässlich ist, da man nicht alles aus sich selbst zu schöpfen vermag und auch nicht alle für das Verhalten notwendigen Vernunftprinzipien allein entwickeln kann. Ob als Führer oder Beispiel, die Hilfe der anderen ist unverzichtbar. Aber man darf Lesen und Schreiben nicht trennen. Man muss 'abwechselnd beides tun' und 'das eine mit Hilfe des anderen zügeln'. Während übermäßiges Schreiben erschöpft (Seneca denkt hier an die Arbeit am Stil), führt übermäßiges Lesen zur Verzettelung: 'Es zerstreut der Bücher Menge.' Wer ein Buch nach dem anderen liest, ohne jemals innezuhalten, ohne von Zeit zu Zeit mit dem gesammelten Nektar zum Bienenkorb zurückzukehren, also ohne Notizen zu machen und durch Schreiben einen Schatz an Gelesenem anzulegen, der läuft Gefahr, nichts zu behalten, sich in den verschiedensten Gedanken zu verlieren und sich selbst zu vergessen. Schreiben als Mittel, das Gelesene zu sammeln und sich darüber selbst zu sammeln ist eine Übung des Geistes, mit der man sich gegen das grosse Laster der
stultitia zu wappnen vermag, das durch endlose Lektüre gefördert zu werden droht.
Stultitia ist definiert als geistige Erregung, als instabile Aufmerksamkeit, als ständiger Wechsel der Meinungen und des Willens und folglich als unstetes Verhalten angesichts der Dinge, die geschehen können. Außerdem richtet sie das Denken auf die Zukunft, macht den Geist begierig auf Neuigkeiten und hindert ihn, im Besitz gesicherter Wahrheit einen festen Punkt zu finden."
Michel Foucault, Über sich selbst schreiben
in: Schriften zu Literatur, 355f.