Nach einem Selbstmordversuch lag Michel Leiris dreieinhalb Tage im Koma und konnte nur durch einen Luftröhrenschnitt gerettet werden. Seine Narbe wird für ihn zur Auszeichnung.
"Diese Marke, die durch ihre eigenartige krallenförmige Zeichnung den Eindruck erweckt, als habe sich ein sechsbeiniges Insekt oberhalb meines Adamsapfels eingegraben, verbindet sich für mich keineswegs mit einem nachträglichen Erschrecken, sondern eher mit einem Stolz, der freilich wenig zu einer nur halb durchgeführten Tat paßt (ein Fehlschlag, ohne den allerdings hier ein er wäre, dessen Bild sich einige bewahren würden, und keineswegs der Schatten eines ich, das von meinem Stolz oder meinem Erschrecken sprechen könnte). ( ... ) so denke ich an meinen mißlungenen Selbstmord wie an den großartigen und abenteuerlichen Augenblick, der in meiner sonst weitgehend erschütterungslosen Existenz das einzige größere Wagnis darstellt, das ich je auf mich genommen haben werde. Und mir scheint ebenso, daß ich in jenem Augenblick, da sich Leben und Tod, Trunkenheit und Klarsicht, Leidenschaft und Abkehr vermählten, jene faszinierende, sich trotz aller Anstrengung stets wieder entziehende Sache umfaßt habe, der man vermutlich mit voller Absicht einen weiblichen Namen beigegeben hat: die Poesie."
Michel Leiris, La règle du jeu III: Fibrilles, 292
zitiert in: Michael Schneider, Die erkaltete Herzensschrift, 206