"Nimm einen langen tiefen Zug aus einer Zigarette; laß ihren giftigen Rauch in dich eindringen, laß ihn in die Kavernen deiner Lungen strömen, dann atme ihn wieder aus, langsam, durch deine Nase und über deine Lippen, in einem Strom, der sich wirbelnd über deinen Kopf erhebt.
Tout est là. Der Rauch dringt beißend in dich ein, dann entströmt er wieder und hüllt dich sanft in das Gefühl, daß du die Grenzen deines Körpers ausdehnst, nicht mehr in deine Haut eingeschlossen bist. Nachdem er in den Höhlungen zusammengepreßt war, die dein intimstes Inneres bergen, löst sich der Tabakdunst in kleinste Partikel auf, welche um dich herum eine Atmosphäre bilden, deine äußere Gestalt mit einem Schein umgeben. Indem er innen und außen verbindet, ist jeder Zug wie eine Taufe: er weiht den Täufling mit der Erneuerung des Gefühls für sich selbst, mit einem momentanen, flüchtigen Bild des einheitlichen
Moi. Auf den Moment der Konzentration beim Einatmen, welche das Selbst zusammenfaßt, es dichter macht, opaker und damit sich selbst präsenter, folgt die Evaporation, ein Prozeß, mit dem das Selbst sich verströmt, sich in der Gestalt von Rauch nach außen projiziert, dann immer zarter wird, sich immer weniger von der Außenwelt unterscheidet, zu der es schließlich wird."
Richard Klein, Schöner blauer Dunst, 167f.