Über die Ausgrenzung des Schmutzes entsteht menschliche Identität, diese Identität ist gefährdet durch die Vermischung. So daß dann der Schmutz das andere meiner selbst ist.
"Schmutz sei erstens alles, was die säuberliche Abgetrenntheit der Person antaste, ihr ängstlich gehütetes Fürsichsein. Daher lasse sie ungern etwas an sich heran und aus sich heraus. Neben diesem Berührungs- und Ausscheidungsschmutz meide sie ferner als unrein, was ihr nur zweideutig zugehöre, sie ekle sich, durch Analogie, vor der Vermischung. In ihrer Nähe nämlich fürchte sie, der Zweideutigkeit und dem Mischmasch selbst anheimzufallen, auseinanderzufließen, sich zu verlieren, Schaden zu nehmen durch Beimengung, Einschub, Zusatz, Abfluß, Abzapfung und Unterwanderung. Daher seien ihr auch Dinge wie Pumpen, Trichter, Rüssel, Röhren nicht ganz geheuer, und deswegen zähle sie soviele Stoffgemische und Zwischenzustände auf, wenn man sie um Beispiele für Schmutz ersuche. Hier liege wohl auch der Grund für die unausrottbare Verknüpfung von Schmutz mit der ersten, nämlich geschlechtlichen, Vermischung.
Nach dem Vermischungsschmutz habe sie drittens Angst vor dem Zerfall, wende sich schaudernd ab, wenn sich Unteres nach oben, Oberes nach unten kehrt, wenn Gliederung sich auflöst oder umkehrt: ein verfaulender Pilz, eine am Knie erscheinende Nase. Und schließlich trete neben den des Zerfalls noch ein Massenschmutz; denn als Einzelding sei der Person alles Gewimmel und Gekrabbel verhaßt, alle Massenhaftigkeit, in der es geschehen kann, daß sie versinkt, verlorengeht und unauffindbar wird."
Christian Enzensberger, Größerer Versuch über den Schmutz, 23f.