Memo
Rückzug
Helmut Brandt: Schriftspuren

 
Es gibt drei Schlafhaltungen und ihnen entsprechen drei Verhältnisse zur Zeit. Als zeigte sich im Schlaf die Weise der Verwurzelung des Menschen im Leben.

Die Rückenlage ist der Vorgriff auf die Zukunft, auf den Tod, "das Gesicht himmelwärts, die Füße geschlossen - und erinnert, wie man zugeben muß, eher an einen Toten als an einen, der nur ruht. In gewissem Gegensatz zu dieser Rückenlage steht die Seitenlage, bei der die Knie zum Leib hochgezogen sind und der ganze Körper zu einem Ei zusammengekuschelt ist. Das ist die häufigste von den dreien, die embryonale Stellung; sie trägt mithin ein Erinnern an die Zeit vor der Geburt in sich. Das genaue Gegenteil zu diesen beiden Stellungen, die dem ähneln, was vor und was nach dem Leben kommt, ist die Bauchlage; sie allein ist ganz und gar dem gegenwärtigen Erdendasein gewidmet. Bei ihr allein gewinnt die Unterlage, auf welcher der Schlafende ruht, Bedeutung - und zwar eine Bedeutung ersten Ranges. An diese Unterlage - im Idealfall an unseren Erdboden - schmiegt sich der Schlafende, um ihn in Besitz zu nehmen und zugleich seinen Schutz zu erlangen. (...) Beim Schlafen in Bauchlage liegt der Kopf seitlich, auf der einen oder anderen Wange oder besser auf dem einen oder anderen Ohr, als gelte es, wie ein Arzt den Boden abzuhorchen."
Michel Tournier, Der Erlkönig, 300f.
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