Man kann entweder sterbend leben oder lebend sterben.
"Den Tod akzeptieren heißt sterbend zu leben. Denn Leben bedeutet Veränderung - Fortschritt - Entwicklung. Veränderung, Fortschritt, Entwicklung aber geschehen nur dann, wenn ich bereit und imstande bin, zu verlassen, fortzugehen, Mangel bewußt zu erleben; Trennung - Abschied - Mangelerlebnisse aber sind Erfahrungen des Sterbens, die notwendig sind, um zu leben. Erst durch das Vergehen des Alten kann Neues entstehen. Leben kann ich also nur dann, wenn ich bereit bin zu sterben und das mit dem Sterben verbundene Leiden zu durchleben. Diese Bereitschaft aber bedeutet das sich ständig aufhebende Bewußtsein dessen, was ich - mit jedem Augenblick, mit jeder Entscheidung - verliere, abschneide, verhindere, entbehre und sie bedeutet das Durchleben der damit verbundenen Trauer. Insofern erscheinen die Leiden-Schaftlichkeit und die Leidensfähigkeit eines Menschen als ein Maß seines Lebendigseins, als Ausdruck seines Kampfes gegen den Tod, gegen das Augenverschließen, die Resignation und das stumm-machende Sich-Fügen.
Den Tod verdrängen und leugnen heißt lebend zu sterben."
Igor A. Caruso, Notizen zu einer Diskussion über den Tod
in: Konkursbuch Zwei, 139f.