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Helmut Brandt: ohne Titel

 
Sucht ist ein nicht religiös abgestützter, singulärer Versuch, sich im Leben vom Leben zu befreien. Die Katastrophe der Betroffenen besteht darin, dass die Gesellschaft sie zurückholen will.

"Sucht ist ein decodiertes, das heißt verdunkeltes und entsprachlichtes Verlangen nach Befreiung vom Existenzzwang. Sie ist der Ernstfall der Privatreligion. In ihren gefährlichsten Varianten entsteht sie durch einen frivolen, also privaten, entritualisierten und unwissenden Umgang mit potenten psychotropen Substanzen. Diese hinterlassen am Ende von nicht-informativen Ekstasen wiederholungsfordernde Spuren in den Lustgedächtnissen der Subjekte. In die Frivolität des Ausprobierens spielt formlose Urverneinung herein. Die Anfänge der Sucht liegen in dem Unternehmen der Subjekte, sich in ein Privatverhältnis zum Eintretenden und Überwältigenden zu setzen; sie ist Konsumismus im Absoluten. De facto würde selten das Subjekt am Suchtstoff allein zerbrechen. Die große Zerrüttung entspringt aus der Wechselwirkung von Droguierungen und Entzugskrisen. Vor allem das chronische Grauen des Entzugs auf dem Höhepunkt des Wiederholungsverlangens löst eine primärprozeßhafte Desintegration aus. Sie führt zur Unmöglichkeit, eine Person, das heißt ein Wesen, das sein relatives Leersein bejahen kann, zu sein."
Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, 156