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Helmut Brandt: Virtuelle Poesie


 
Die Fremdheit des Anderen ergründen zu wollen, seine Schatten auszuleuchten, seinen Geheimnissen aufzulauern, das Andersartige mit dem Eigenen verschmelzen zu wollen, ist oft der Anfang vom Ende einer Beziehung. Repektieren wir hingegen die Nischen, das Rätselhafte, die gezogenen Grenzen, bewahren wir uns das Staunen, den Zauber füreinander, was das Feuer der Faszination schürt.

"Die fruchtbare Tiefe der Beziehungen, die hinter jedem geoffenbarten Letzten noch ein Allerletztes ahnt und ehrt, die auch das sicher Besessene täglich von neuem zu erobern reizt, ist nur der Lohn jener Zartheit und Selbstbeherrschung, die auch in dem engsten, den ganzen Menschen umfassenden Verhältnis noch das innere Privateigentum respektiert, die das Recht auf Frage durch das Recht auf Geheimnis begrenzen läßt."
Wenn man sich gegenseitig vollkommen zu kennen glaubt, dann ist eine Beziehung tot und zwecklos geworden. Dies ist die Gefahr der modernen Ehe oder der eheähnlichen Beziehung, denn ihre Idee ist "die Gemeinsamkeit aller Lebensinhalte, die den Wert und das Schicksal der Persönlichkeit bestimmen."
Georg Simmel, Psychologie der Diskretion
in: Schriften zur Soziologie, 151ff.