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Helmut Brandt: ohne Titel

 
Je stärker die Empfindung von Vielfalt und Reichtum des Lebens, desto stärker das Gefühl von Verlust. Ein Entgleiten und Verschwinden.

"So vieles geschieht, ohne daß jemand es merkt oder in Erinnerung behält. Über kaum etwas gibt es Aufzeichnungen, - flüchtige Gedanken und Bewegungen, Pläne und Wünsche, geheime Zweifel, Träumereien, Grausamkeit und Kränkung, gesagte und gehörte und später geleugnete oder mißverstandene oder verdrehte Worte, Versprechen, die gegeben und nicht ernst genommen werden, nicht einmal von denen, denen sie gegeben wurden, alles gerät in Vergessenheit oder verjährt, alles, was im Alleingang getan und wovon keine Notiz genommen wird, und auch fast alles, was nicht einsam, sondern in Gesellschaft geschieht, wie wenig bleibt am Ende von jedem einzelnen Menschen, von wie wenig hat man Ahnung, und von diesem Wenigen, das bleibt, wird so vieles verschwiegen, und von dem, was nicht verschwiegen wird, bleibt später nur ein winziger Teil in Erinnerung und nur für kurze Zeit, das Gedächtnis des einzelnen läßt sich nicht übertragen und würde auch den nicht interessieren, der es erhalten soll, weil er sein eigenes hat und es gestaltet."
Javier Marías, Morgen in der Schlacht denk an mich, 72f.