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Leben
Helmut Brandt: Altamira

 
Wenn das Leben beginnt, den Menschen herauszufordern, ihn vor Aufgaben stellt, an denen er wachsen könnte, ihn einlädt, dem Gegenwind standzuhalten, ist er versucht, durch Sublimierung zu entkommen, um sich erhaben zu fühlen. Erst das Unbehagen, das diese Selbsttäuschung irgendwann unterwandert, entlarvt die hohle Kleinmütigkeit.

"Kaum war die Jugendzeit, mit dem wenigen an Kraft und Antrieb, die für die Jugend charakteristisch sind, vorbei, so hörten sie auf zu wachsen. Gerade in dem Augenblick, da man fühlte, daß jetzt die Zeit gekommen sei, sich zusammenzunehmen, seine ganze Kraft einzusetzen, das Steuer zu ergreifen, erwachsen zu werden, schienen sie sich damit zu begnügen, ihren tiefsten Herzenswunsch gegen unzählige kleine Wünsche einzutauschen. Das Bild, das sich mir dabei aufdrängte, war das eines Flusses, der in zahllosen dünnen Rinnsalen in einem dunklen Sumpf versickert.
Diese Menschen betrogen sich natürlich selber. Sie nannten dieses Versiegen - größere Toleranz, breitere Interessen, einen Sinn für Proportionen, damit die Arbeit einen nicht der Möglichkeiten des »Lebens« beraube. Oder sie nannten es ein Entrinnen aus Selbstbezogenheit und intellektuellem Suchen - eine einfachere und deshalb bessere Lebensweise. Aber früher oder später, wenigstens in der Literatur, hörte man einen Unterton tiefen Bedauerns heraus, etwas wie ein Unbehagen, das Gefühl, um etwas gebracht worden zu sein. Man hörte oder glaubte den Schrei zu hören, der seinen Widerhall im eigenen Sein fand: »Ich habe es verfehlt. Ich habe aufgegeben. Das habe ich nicht gewollt. Wenn das alles ist, dann ist das Leben nicht wert, gelebt zu werden.«"
Katherine Mansfield, Tagebuch 1904-1922, 457f.

© 2003-2010 Manfred Köhler