Das Begehren des Anderen erreicht oder berührt einen, wenn der Begehrende als fremd empfunden wird. Dann geweinnt man über ihn Zugang zur eigenen Fremdheit.
"Der Fremde, der dich begehrt und dich davon überzeugt, daß gerade du mit all deiner Besonderheit das Ziel seiner Wünsche bist, bringt eine Botschaft von all dem, das du sein könntest, zu dir, wie du wirklich bist. Die Ungeduld, diese Botschaft zu empfangen, wird oft fast so groß sein wie dein Lebensgefühl überhaupt. Der Wunsch, sich selbst kennenzulernen, übersteigt noch die Neugier. Doch muß er ein Fremder sein, denn je besser du, wie du wirklich bist, ihn kennst und genauso: je besser er dich kennt, desto weniger kann er dir von deinem möglichen, aber unbekannten Selbst offenbaren. Er muß also ein Fremder sein. Doch gleichzeitig muß er mit dir geheimnisvoll vertraut sein, denn sonst wird er dir nicht dein unbekanntes Selbst offenbaren, sondern einfach alle jene repräsentieren, die für dich unerkennbar sind und für die du unerkennbar bist. Der Vertraute und der Fremde. Von diesem begrifflichen Gegensatz, diesem Traum stammt jene erotische Gottheit, die jede Frau in ihrer Vorstellung entweder nährt oder verhungern läßt."